Drei Fragen an Susanne Wittek

Susanne Wittek, Autorin unseres neuen Bandes "So muss ich fortan das Band als gelöst ansehen.“ Ernst Cassirers Hamburger Jahre 1919-1933, im Gespräch mit dem Präsidenten der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, Dr. Ekkehard Nümann.

Das Buch wird am Mittwoch, den 27. November um 19 Uhr im KörberForum (Kehrwieder 12) vorgestellt. Melden Sie sich hier zu der Veranstaltung an.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Einen Philosophen auch Nichtphilosophen nahebringen – wie haben Sie das gemacht?

Susanne Wittek: Ein berühmtes Foto von Cassirer zeigt ihn im Ornat des Universitätslehrers mit der Amtskette des Rektors der Hamburgischen Universität – einen streng aussehenden Mann. Auf anderen Fotos ist er zuhause am Schreibtisch zu sehen, umgeben von Büchern und Alltagsgegenständen. Zu diesem nach Innen gekehrten, gleichwohl nahbar wirkenden Denker wollte ich vordringen. Mit dem Buch habe ich meine eigene schrittweise Annäherung nachvollzogen. Beim Lesen seiner veröffentlichten Korrespondenzen lernte ich einen vergeistigten Menschen kennen, der kommunikativ und warmherzig war. Die Lektüre seiner philosophischen Schriften zeigte ihn mir als Humanisten, frei von autoritärem Verhalten. Und schließlich faszinierte mich sein Auftreten als politisch denkender Mensch. Diese Annäherung erschloss ich mir anhand von Briefen, universitären Sitzungsprotokollen, Zeitungsartikeln, Texten und persönlichen Aufzeichnungen. 

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Wie erzählen Sie vom reichen Leben und Wirken eines Philosophen wie Ernst Cassirer?

Susanne Wittek: Mir war wichtig, die in den 1920er und 1930er Jahren zunehmende Bedrohung durch den Antisemitismus zu zeigen – und Cassirers illusionslosen Umgang damit, auch seine Wehrhaftigkeit gegenüber Opportunisten und Verharmlosern. Denn dies alles führte dazu, dass er früh die Trennung von der Hamburgischen Universität vollzog und ins Exil ging. Ich habe auch sein soziales Leben und sein Engagement im Hamburger Kulturleben geschildert. Wichtig war mir vor allem seine Verwurzelung in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg und sein Vertrauensverhältnis zu deren Gründer Aby Warburg. Und natürlich enthält das Buch eine komprimierte Darstellung von Cassirers philosophischen Hauptwerken, die in der Hamburger Zeit entstanden.

Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung: Was hat Sie überrascht, was war neu in der Beschäftigung mit Ernst Cassirer?

Susanne Wittek: Mich hat überrascht, dass Cassirer sich in seinen Reden und Schriften auf die aktuelle politische Situation bezog. Es hat mich beeindruckt, wie konsequent er seine Überzeugungen lebte. Dazu gehört sein Einsatz für die republikanischen Werte, seine Weltoffenheit, seine Toleranz gegenüber politisch Andersdenkenden, seine Vorurteilslosigkeit gegenüber Menschen gleich welcher Nationalität und sein Eintreten für die Rechte Homosexueller.

Die Publikation ist beim Wallstein Verlag erschienen. Sie können Sie in jeder Buchhandlung oder direkt hier erwerben.